Mein Essay über journalistische Kontrolle, öffentliche Verantwortung und demokratische Öffentlichkeit

Populisten stellen den Journalismus vor ein strukturelles Problem: Sie nutzen Interviews nicht primär zur Information, sondern zur Inszenierung. Ihre Kommunikation folgt weniger der Logik des Arguments als der Logik der Mobilisierung. Wer Populisten befragt, steht daher vor der Aufgabe, nicht nur Inhalte zu erheben, sondern Strategien sichtbar zu machen, ohne selbst Teil der Strategie zu werden.

1. Das Grundproblem: Asymmetrische Kommunikation

Populistische Akteure arbeiten mit vereinfachten Narrativen, emotionaler Zuspitzung und bewusster Provokation. Interviews dienen ihnen häufig als Bühne, nicht als Dialog. Klassische journalistische Interviewformen – offene Fragen, lange Antwortstrecken, Vertrauen auf Selbstentlarvung – laufen hier ins Leere.
Das Missverhältnis ist strukturell: Journalismus ist auf Rationalität, Differenzierung und Zeit angewiesen; Populismus auf Aufmerksamkeit, Vereinfachung und Eskalation.

2. Einladung ist nicht Neutralität

Die erste journalistische Entscheidung fällt vor dem Interview: Warum wird diese Person eingeladen?
Populisten zu befragen ist legitim – demokratische Öffentlichkeit braucht Konfrontation. Aber Legitimation entsteht nicht durch bloße Präsenz, sondern durch journalistische Rahmung. Wer einlädt, muss begründen können, welches Erkenntnisinteresse verfolgt wird und welchen Mehrwert das Publikum davon hat.
Unkritische Gleichbehandlung („alle kommen zu Wort“) erzeugt keine Fairness, sondern falsche Balance.

3. Vorbereitung schlägt Spontaneität

Populisten sind trainiert. Ihre Talking Points sind erprobt, ihre Provokationen kalkuliert. Spontane Schlagfertigkeit reicht nicht aus.
Erforderlich sind:

  • Faktenkenntnis: Zahlen, Zitate, frühere Aussagen.
  • Klar definierte Themenkorridore: Was wird verhandelt, was nicht?
  • Antizipation von Ablenkungsmanövern: Opfererzählungen, Whataboutism, Themenwechsel.

Ein gutes Interview mit Populisten ist kein Gespräch, sondern eine kontrollierte Prüfung.

4. Präzise Fragen statt großer Bühnen

Populisten profitieren von offenen, breiten Fragen. Sie verlieren an Wirkung bei präzisen, eng geführten Nachfragen.
Beispiele für wirksame Fragetechniken:

  • Konsequenzfragen: „Was folgt konkret aus Ihrer Forderung?“
  • Umsetzungsfragen: „Wer entscheidet das, nach welchem Gesetz, in welchem Zeitraum?“
  • Widerspruchsfragen: „Sie sagten X, heute sagen Sie Y – was gilt?“

Wichtig ist dabei: nicht empört, sondern beharrlich. Emotionale Reaktionen stärken die Inszenierung des Gegenübers.

5. Unterbrechen ist kein Affront, sondern Pflicht

Populisten nutzen Redezeit strategisch. Sie reden über Fragen hinweg, wiederholen Parolen, setzen Marker für soziale Medien.
Journalistische Zurückhaltung wird hier zur Schwäche. Unterbrechen, korrigieren, zurückführen ist keine Unhöflichkeit, sondern professionelle Verantwortung.
Entscheidend ist der Ton: sachlich, ruhig, konsequent.

6. Faktenchecks gehören ins Gespräch – nicht danach

Der klassische nachgelagerte Faktencheck erreicht oft nur einen Teil des Publikums und kommt zu spät für die Live-Wirkung.
Wo möglich, müssen falsche Behauptungen im Gespräch selbst markiert werden:

  • klar,
  • kurz,
  • nachvollziehbar.

Nicht jede Detailfrage lässt sich live klären, aber zentrale Unwahrheiten dürfen nicht stehen bleiben.

7. Öffentlichkeit als Ziel, nicht der „Moment“

Das Ziel eines Interviews mit Populisten ist nicht der Schlagabtausch, nicht die virale Zuspitzung, nicht der „starke Moment“.
Ziel ist:

  • Entzauberung statt Empörung,
  • Klarheit statt Lautstärke,
  • Erkenntnis statt Reichweite.

Populisten lassen sich nicht durch Bloßstellung entlarven, sondern durch konsequente Sichtbarmachung ihrer Vereinfachungen, Widersprüche und Leerstellen.

Schluss

Populisten zu befragen ist notwendig – aber nur unter Bedingungen journalistischer Souveränität. Wer ihnen unvorbereitet, unstrukturiert oder aus falsch verstandener Neutralität begegnet, verstärkt ihre Wirkung.
Guter Journalismus hält die Kontrolle über Rahmen, Zeit und Wahrheit. Er vertraut nicht darauf, dass Populismus sich „von selbst“ entlarvt. Er sorgt aktiv dafür.