Pflegekasse leer – und der Bund gibt einen Kredit?

Pflegebeiträge sind kein Schattenhaushalt des Bundes

Wer gesamtgesellschaftliche Aufgaben bestellt, muss sie auch bezahlen

Von Harry Hensler | 29. September 2026

Die Debatte über die Zukunft der Pflegeversicherung beschäftigt mich nicht nur wegen ihrer aktuellen Finanzierungsprobleme. Sie berührt für mich eine viel grundsätzlichere Frage:

Wie organisieren wir gesellschaftliche Verantwortung in einer älter werdenden Gesellschaft?

Deutschland wird älter. Die Zahl der Menschen, die Unterstützung und Pflege benötigen, steigt. Gleichzeitig brauchen wir ausreichend Pflegekräfte, gute ambulante und stationäre Angebote und bessere Bedingungen für Angehörige, die einen erheblichen Teil der Pflege übernehmen.

Das alles kostet Geld.

Darüber müssen wir reden – auch über Beiträge und darüber, wie wir Pflege langfristig und generationengerecht finanzieren.

Aber bevor wir erneut über höhere Beiträge oder geringere Leistungen sprechen, sollten wir eine andere Frage beantworten:

Welche Kosten gehören tatsächlich zur Pflegeversicherung – und welche Kosten müssten eigentlich von der gesamten Gesellschaft getragen werden?


Die offene Milliardenfrage aus der Corona-Zeit

Während der Corona-Pandemie wurde die soziale Pflegeversicherung zur Finanzierung erheblicher zusätzlicher Aufgaben herangezogen. Dazu gehörten unter anderem pandemiebedingte Schutzmaßnahmen und Testkosten.

Die Pflegekassen beziffern die daraus nicht vollständig ausgeglichenen Belastungen auf rund 5,2 Milliarden Euro.

Diese Forderung ist politisch umstritten. Gerade deshalb muss sie transparent und vollständig geklärt werden.

Denn die soziale Pflegeversicherung ist kein beliebiger staatlicher Geldtopf. Sie wird wesentlich durch die Beiträge von Beschäftigten und Arbeitgebern finanziert. Dieses Geld dient der Absicherung des Pflegerisikos.

Die Corona-Pandemie war dagegen keine Angelegenheit der Pflegeversicherten allein.

Sie war eine gesamtgesellschaftliche Krise.

Wenn Maßnahmen der Pandemiebekämpfung der gesamten Bevölkerung dienten, muss deshalb gefragt werden, weshalb diese Kosten dauerhaft von einer einzelnen Sozialversicherung getragen werden sollen.


Erst Milliarden ausgeben – und anschließend Geld leihen?

An diesem Punkt wird die Konstruktion für mich besonders erklärungsbedürftig.

Wenn eine Sozialversicherung Milliarden für Aufgaben eingesetzt hat, die zumindest teilweise gesamtgesellschaftlichen Charakter hatten, und anschließend selbst in finanzielle Schwierigkeiten gerät, sollte der erste Schritt eigentlich selbstverständlich sein:

Kassensturz.

Welche Kosten hat die Pflegeversicherung übernommen?

Welche davon waren originäre Aufgaben der Pflegeversicherung?

Welche waren gesamtgesellschaftliche Aufgaben?

Was hat der Bund bereits erstattet?

Welche Beträge sind noch strittig oder offen?

Und welche finanziellen Verpflichtungen bestehen durch Bundesdarlehen?

Denn ein Darlehen ist kein Zuschuss.

Es muss zurückgezahlt werden.

Und diese Rückzahlung erfolgt letztlich wieder aus dem System der Pflegeversicherung.

Bevor Beitragszahlende stärker belastet werden, muss geklärt werden, welche Rechnung zwischen Bund und Pflegeversicherung überhaupt noch offen ist.


Was die gesamte Gesellschaft bestellt, muss die gesamte Gesellschaft bezahlen

Für mich liegt hier ein grundlegendes Problem unseres Sozialversicherungssystems.

Wenn Aufgaben, die der gesamten Gesellschaft dienen, über Sozialversicherungsbeiträge finanziert werden, verschiebt sich die Belastung.

Der Bundeshaushalt wird entlastet.

Gleichzeitig werden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Arbeitgeber stärker über Sozialversicherungsbeiträge belastet.

Formal wurde dann vielleicht keine Steuer erhöht.

Auf der Lohnabrechnung macht dieser Unterschied allerdings wenig Freude.

Deshalb sollte ein einfacher Grundsatz gelten:

Was die gesamte Gesellschaft bestellt, muss die gesamte Gesellschaft bezahlen.

Gesamtgesellschaftliche Aufgaben gehören grundsätzlich auch in eine gesamtgesellschaftliche Finanzierung.


Demografie ist nicht die Erklärung für alles

Natürlich steht die Pflegeversicherung gleichzeitig vor einem grundlegenden strukturellen Problem.

Deutschland wird älter.

Die Zahl pflegebedürftiger Menschen steigt. Pflegekräfte müssen angemessen bezahlt werden. Ambulante Dienste, Pflegeeinrichtungen und die Unterstützung häuslicher Pflege müssen finanziert werden.

Das alles gehört zu einer ehrlichen Debatte über den demografischen Wandel.

Aber gerade deshalb müssen wir unterschiedliche Ursachen sauber voneinander trennen.

Demografisch bedingte Pflegekosten sind etwas anderes als Kosten politisch übertragener gesamtgesellschaftlicher Aufgaben.

Wer beide Bereiche miteinander vermischt, erzeugt schnell den Eindruck, die Finanzierungsprobleme der Pflegeversicherung seien ausschließlich eine Folge einer älter werdenden Bevölkerung.

Das greift zu kurz.

Wir brauchen deshalb Klarheit darüber, welcher Teil des Finanzierungsbedarfs tatsächlich durch Pflege und demografische Veränderungen entsteht – und welcher Teil durch politische Finanzierungsentscheidungen.


Wir brauchen einen Kassensturz

Bevor über weitere Beitragserhöhungen oder Leistungskürzungen gesprochen wird, sollten die Zahlen vollständig auf den Tisch.

Dazu gehören aus meiner Sicht:

Pandemiebedingte Belastungen der Pflegeversicherung

Wie hoch waren die tatsächlichen Ausgaben seit 2020?

Erstattungen des Bundes

Welche Kosten wurden bereits übernommen und welche Forderungen sind noch strittig?

Gesamtgesellschaftliche beziehungsweise versicherungsfremde Leistungen

Welche Aufgaben werden heute aus Beiträgen finanziert, obwohl ihre Finanzierung zumindest teilweise eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein könnte?

Bundeszuschüsse

Welche regulären Mittel fließen aus dem Bundeshaushalt in die Pflegeversicherung?

Bundesdarlehen

Welche Darlehen bestehen und wann müssen sie zurückgezahlt werden?

Und erst danach können wir seriös beantworten:

Wie hoch ist das tatsächliche strukturelle Defizit der Pflegeversicherung?


Politische Verantwortung endet nicht mit einer Legislaturperiode

Mir geht es ausdrücklich nicht darum, dieses Problem einer einzelnen Partei zuzuschieben.

Die Verantwortung verteilt sich über mehrere Bundesregierungen und unterschiedliche politische Mehrheiten.

Während der Bundesregierung von Angela Merkel fielen wesentliche Entscheidungen der Corona-Zeit. Jens Spahn war Bundesgesundheitsminister, Olaf Scholz Bundesfinanzminister.

Mit der Bundesregierung von Olaf Scholz wechselten die handelnden Personen und politischen Mehrheiten. Karl Lauterbach übernahm das Gesundheitsministerium, Christian Lindner und später Jörg Kukies das Finanzministerium.

Die finanziellen Fragen der Pflegeversicherung blieben bestehen.

Heute liegt die Verantwortung bei der Bundesregierung unter Friedrich Merz mit Gesundheitsministerin Nina Warken und Finanzminister Lars Klingbeil sowie beim Deutschen Bundestag.

Für mich zeigt gerade diese Entwicklung:

Es geht nicht um den Schwarzen Peter.

Es geht um politische Verantwortung über Legislaturperioden hinweg.

Eine neue Bundesregierung übernimmt nicht nur Ministerien und Aktenordner. Sie übernimmt auch ungelöste politische Aufgaben.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

Wer hat irgendwann angefangen?

Sondern:

Wer übernimmt jetzt Verantwortung und löst das Problem?


Pflege ist eine Generationenfrage

Für mich geht diese Debatte weit über die Finanzierung einer einzelnen Sozialversicherung hinaus.

Der demografische Wandel verändert unser Land.

Eine älter werdende Gesellschaft muss neu darüber nachdenken, wie Verantwortung zwischen den Generationen verteilt wird.

Wer trägt die Kosten?

Wie unterstützen wir pflegende Angehörige?

Wie sichern wir genügend Pflegekräfte?

Wie ermöglichen wir älteren Menschen möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben?

Und wie verhindern wir, dass immer höhere Sozialversicherungsbeiträge insbesondere die jüngeren Generationen und die arbeitende Mitte überfordern?

Das sind keine Fragen, die nur Menschen über 60 betreffen.

Pflegepolitik ist Generationenpolitik.


Eine Pflegereform braucht finanzielle Ehrlichkeit

Wir werden um eine grundlegende Reform der Pflegeversicherung nicht herumkommen.

Eine älter werdende Gesellschaft braucht eine Finanzierung, die auch in zehn, zwanzig und dreißig Jahren noch funktioniert.

Dazu gehört auch eine unbequeme Diskussion darüber, was Pflege künftig kosten wird und wie diese Kosten gerecht zwischen den Generationen verteilt werden können.

Aber diese Diskussion muss auf einer ehrlichen Grundlage stattfinden.

Bevor Versicherte, Pflegebedürftige und ihre Familien erneut stärker belastet werden, muss geklärt werden, welche finanziellen Verpflichtungen der Bund gegenüber der Pflegeversicherung hat und welche gesamtgesellschaftlichen Aufgaben künftig aus Steuermitteln finanziert werden sollten.

Sozialversicherungsbeiträge dürfen nicht zum Ausweichhaushalt werden, wenn im Bundeshaushalt das Geld knapp wird.


Mein Fazit

Die Zukunft der Pflege ist eine der zentralen gesellschaftspolitischen Fragen des demografischen Wandels.

Deshalb brauchen wir keine einfachen Schuldzuweisungen.

Wir brauchen Transparenz.

Wir brauchen eine klare Trennung zwischen den tatsächlichen Kosten einer älter werdenden Gesellschaft und den Kosten politischer Entscheidungen.

Und wir brauchen einen einfachen Grundsatz:

Wer gesamtgesellschaftliche Aufgaben bestellt, muss sie auch aus gesamtgesellschaftlichen Mitteln bezahlen.

Erst wenn diese Rechnung offen auf dem Tisch liegt, sollten wir darüber entscheiden, welche zusätzlichen Mittel die Pflegeversicherung langfristig benötigt.

Pflegebeiträge sind kein Schattenhaushalt des Bundes.

Und eine ehrliche Pflegereform sollte deshalb nicht mit der Frage beginnen, wie viel mehr die Menschen einzahlen müssen.

Sie sollte mit der Frage beginnen:

Welche Kosten gehören tatsächlich in die Pflegeversicherung – und welche in den Bundeshaushalt?


Über mich

Harry Hensler

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren ehrenamtlich mit den gesellschaftlichen Folgen des demografischen Wandels, mit Demokratie, gesellschaftlicher Teilhabe und der Frage, wie wir unsere Städte und sozialen Sicherungssysteme generationengerecht weiterentwickeln können.

Dabei verstehe ich den demografischen Wandel nicht als Problem einer einzelnen Altersgruppe, sondern als gemeinsame Gestaltungsaufgabe aller Generationen.

Mein Engagement verbindet gesellschaftspolitische Arbeit mit konkreten Projekten vor Ort. Dazu gehören insbesondere das Projekt „Altersfreundliche Stadt Leipzig“, die Entwicklung neuer Formen der Bürgerbeteiligung sowie mein Engagement bei CLEANUP Leipzig für Umweltverantwortung, bürgerschaftliches Engagement und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Mich interessiert dabei besonders, wie aus guten Ideen praktische Veränderungen entstehen können – durch Beteiligung, Zusammenarbeit und Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Mehr über meine Projekte und mein Engagement:
Altersfreundliche Stadt Leipzig · CLEANUP Leipzig · Demografie & Generationengerechtigkeit · Demokratie & gesellschaftliche Teilhabe

Kontakt: gerne hier lang ….


Zahlen & Quellen

Für die Veröffentlichung sollten die zentralen Zahlen und Aussagen direkt mit Primärquellen belegt werden.

GKV-Spitzenverband: Informationen und Stellungnahmen zur finanziellen Situation der sozialen Pflegeversicherung sowie zu den pandemiebedingten Belastungen.

Bundesministerium für Gesundheit: Informationen zur Finanzierung der sozialen Pflegeversicherung und zu den Bundesdarlehen.

Deutscher Bundestag: Gesetzgebung, Haushaltsentscheidungen und parlamentarische Beratungen zur Finanzierung der sozialen Pflegeversicherung.

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